(Originally published in fazjob.net, a publication of the Frankfurter Allgemeine Zeitung, a daily newspaper serving Frankfurt, Germany.)

(See babelfish translation of this article.)

Sektierer an der Uni

“Wie ein stummes Schaf sein”

Von Hendrik Steinkuhl

11. April 2007

Die Falle lockt mit grossen Versprechungen: mit viel Zuwendung, mit
Volleyball und anregenden Gespraechen mit Gleichgesinnten. Experten
sprechen von “Love Bombing”. Die Falle heisst Sekte. Ist sie einmal
zugeschnappt, findet man sich in einem strengen System wieder, das
eigene Regeln und Vokabeln hat, die gelernt werden muessen. Fuer
Volleyball und anregende Gespraeche bleibt ploetzlich keine Zeit mehr.

Thomas K. (Name geaendert) studierte im dritten Semester
Religionswissenschaften, als er in die Falle ging. Zwei Koreaner
sprachen ihn in seinem Bonner Studentenwohnheim an: Ob er nicht Lust
habe, einmal mit anderen die Bibel zu studieren? Er hatte. “Damals
habe ich alles Moegliche ausprobiert”, sagt K. heute, 20 Jahre
spaeter. Die folgenden zehn Jahre lebte er fuer die “University Bible
Fellowship” (UBF), eine christlich-fundamentalistische Sekte. “Das
waren zehn Jahre auf der anderen, der erdabgewandten Seite.”

Die UBF wurde 1961 in Suedkorea gegruendet und begann, ihre Lehre an
deutschen Universitaeten zu verbreiten. Bis heute wirbt sie vor allem
auf dem Campus – obwohl ihr das durch die deutsche
Hochschulrektorenkonferenz vor acht Jahren untersagt wurde. Neuerdings
wirbt die UBF auch verstaerkt unter Oberstufenschuelern. Typisch fuer
eine Sekte ist, dass sie neue Mitglieder stets auf die gleiche Art an
sich bindet. Die UBF tut das mit dem sogenannten Hirte-Schaf-Prinzip:
Der Hirte geht an die Uni und ueberzeugt einen Studenten (das Schaf)
davon, gemeinsam die Bibel zu studieren. Der Hirte ist fuer das
Neu-Mitglied nun Lehrer, Vorbild und Beichtvater. Einmal pro Woche
studieren beide nach den Vorgaben des Hirten die Bibel, regelmaessig
muss das Schaf vor seinem Hirten das “Sogam” ablegen: “Der Einzelne
bringt hier zum Ausdruck, was der Bibeltext fuer ihn bedeutet, und
legt ein Bekenntnis ab, was er Gott schuldig geblieben ist”, heisst es
dazu in Heide-Marie Cammans’ Handbuch “Sekten – die neuen
Heilsbringer?” Nach ein paar Monaten soll das Bibelstudium aus dem
Schaf selber einen Hirten machen, der seinerseits an der Universitaet
missioniert. Aussteiger beschreiben das Prinzip so: “Du musst wie ein
stummes Schaf sein und blind folgen.” Vor allem zu Beginn des
Wintersemesters schickt die Sekte ihre Hirten los, um die oft etwas
orientierungslosen Abiturienten zu missionieren.

Ein leichtes Opfer sein

“Wer gerade der paedagogischen Kaeseglocke Schule entflohen ist, kann
manchmal ein leichtes Opfer sein”, sagt Pfarrer Andrew Schaefer.
Unabhaengig davon, wie der Einzelne damit zurechtkomme: Der Beginn des
Studiums stelle eine potentielle Lebenskrise dar. Schaefer ist
Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland. Da die UBF
vor allem im Raum Koeln-Bonn aktiv ist, kennt er sie besonders gut.
Als gefaehrlich betrachtet er die Sekte vor allem, weil sie bei der
Missionierung auf die Beduerfnisse des Einzelnen eingeht. “Die Zeugen
Jehovas haben ueberall dieselben gestanzten Formulierungen, die UBF
ist schon deutlich geschickter.”

Aussteiger K. beschreibt es so: “Die UBF-Leute haben auf alles eine
eloquente Antwort. Wenn man mit denen argumentiert, steht man als
Wochenend-Christ immer auf verlorenem Posten.” Als K. sich anfangs
noch straeubte, den Gottesdienst zu besuchen, zitierte sein Hirte aus
der Bibel: “Wer Gottes Wort studiert, der muss auch zum Gottesdienst
kommen.” K. sagt: “Weil ich ja auch Religionswissenschaften studiert
habe, liess ich mich davon ueberzeugen.”

Zum ersten Gottesdienst nahm er noch seine Eltern mit. Wenn an der UBF
etwas faul waere, wuerden sie es ihm schon sagen, dachte er. Doch
seine Eltern konnten an dem, was sie gerade gesehen hatten, nichts
Falsches erkennen, Thomas K. verwarf seine letzten Bedenken. Dass
Eltern sich beruhigt zuruecklehnen, sobald sie ihr fluegge gewordenes
Kind in einer Gemeinschaft wissen, in der Bibeltexte gelesen werden,
kommt nicht selten vor; was die geistliche Gemeinschaft noch von ihrem
Kind verlangt – danach fragen viele Eltern schon gar nicht mehr. In
Cammans’ Sektenhandbuch beschreibt eine Mutter ihre Reaktion, als ihr
Sohn ihr, noch ohne den Namen der Hauptorganisation zu nennen, zum
ersten Mal von der UBF sprach: “Er berichtete von dieser
‘internationalen Studentengemeinde` und dass sie zur Evangelischen
Allianz gehoere. Und hier setzt der Punkt an, wo ich beginne, mich
fast zu schaemen! Denn ‘international` passte sowieso in unser
aufgeschlossenes Weltbild, und bei der ‘Evangelischen Allianz` dachte
ich beruhigt an ‘harmlos` und ‘gut aufgehoben`, mehr ‘evangelisch` als
‘Allianz` im Ohr habend.”

Hirte, Bibelschueler und Verlobte beim Gebet

Tatsaechlich ist die UBF alles andere als harmlos: Die Sekte
durchdringt das Leben ihrer Mitglieder, haelt sie etwa zu Geldspenden
und zur Heirat mit Partnern an, die der oertliche Missionsleiter fuer
sie auswaehlt. Auch Thomas K. sollte nach zehn Jahren eine Frau aus
der Sekte heiraten, wurde aber ploetzlich fuer nicht mehr wuerdig
befunden. Stattdessen sollte er als Missionar nach Uganda gehen. Als
K. davon erfuhr, stieg er aus. Die Sekte versuchte noch, ihn
zurueckzuholen: “Einmal standen mein Hirte, mein Bibelschueler und
meine Verlobte vor der Haustuer und fingen an zu beten, ich moege doch
den richtigen Weg zurueckfinden. Das war sehr heftig!” Heute arbeitet
K. als Anwalt in Bonn. “Das Studium der Religionswissenschaften kam
mir zunehmend sinnlos vor.” Fuer organisierte Religiositaet, gleich in
welcher Form, kann er sich heute nicht mehr begeistern. Er habe zu
lange gebraucht, um ueber die Zeit in der Sekte hinwegzukommen.

Christoph Rohde, Politikwissenschaftler aus Muenchen, leidet noch
immer darunter, Mitglied einer Sekte gewesen zu sein. “Meine
akademische Karriere habe ich mir als Obersektierer ruiniert und erst
2003 gemerkt, in was fuer ein Unheil ich geraten war.” Rohde war seit
1992 Mitglied der Sekte “Boston Movement”, die heute als
“Internationale Gemeinde Christi” auftritt. Wie die UBF rechnet man
auch “Boston Movement” zu den Sekten, die einen Wortfundamentalismus
praegen, ihre Mitglieder also durch ein strenges Bibelstudium eher
intellektuell als emotional erreichen. Waehrend die Inhalte komplex
sind, bezeichnen Aussteiger die Hierarchien und Ablaeufe aber als
simpel und klar strukturiert. “,Boston Movement` war damit vor allem
attraktiv fuer Naturwissenschaftler, die manchmal in allen
Lebensbereichen nach einem einfachen Ursache-Wirkungs-Prinzip suchen”,
sagt Christoph Rohde. Fuer die UBF gilt offenbar Aehnliches: Die
meisten Mitglieder seiner frueheren Sekte seien Naturwissenschaftler
gewesen, sagt Thomas K.

Heute beraet er Aussteiger

Auch Rohde wurde zu Beginn seines Studiums angeworben: In Muenchen auf
dem Bahnsteig fragte ihn ein Mann, ob er nicht einmal zum Bibelstudium
mitkommen wolle. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann ging Rohde zum
Studium nach Muenchen, fand dort aber niemanden, mit dem er ueber
Religion und Weltanschauung sprechen konnte. Rohde war Katholik und
sagt, der oberflaechliche Glaube vieler Christen habe ihn als jungen
Mann schwer enttaeuscht und dazu gebracht, nach etwas Tieferem zu
suchen. Rohde fiel auf das “Love Bombing” herein, er trat der Sekte
bei, studierte ihre Lehre, schaffte irgendwie seinen Magister, liess
die Promotion aber schleifen. Er machte das Weltbild von “Boston
Movement” zu seinem eigenen und spricht heute unter Scham davon, wie
er versucht hat, Homosexuelle mit Worten aus der Bibel zu bekehren.
2003 stieg Rohde aus. Der Rundbrief eines Mitgliedes hatte zuvor
Finanzbetruegereien der amerikanischen Sekten-Leitung aufgedeckt und
dafuer gesorgt, dass “Boston Movement” in sich zusammenfiel. Neben
seiner Arbeit als Wissenschaftler hat sich Rohde zum Seelsorger
ausbilden lasse. Heute beraet er Sekten-Aussteiger.

(The following is a related question-and-answer section with Andrew
Schaefer, a German cult expert.)

Andrew Schaefer, Pfarrer und Beauftragter fuer Sekten:

“Eine erste Anlaufstelle kann der Studentenpfarrer sein”

Woran erkennt man Sektierer auf dem Campus?

Da sich dort viele Gruppen tummeln, die ganz unterschiedliche
Lebensformen vertreten, ist das nicht einfach. Grundsaetzlich aber
gilt: Saemtliche Seminarangebote, die versprechen, alle Probleme
bearbeiten und alle Fragen beantworten zu koennen, sind unserioes.

An wen sollte man sich wenden, wenn man Sektenmitglied ist und
aussteigen will?

Eine erste Anlaufstelle kann der Studentenpfarrer sein. Dann gibt es
viele, vor allem kirchliche Sektenberatungen, etwa die Evangelische
Zentralstelle fuer Weltanschauungsfragen in Berlin (Telefon:
030/283950) oder unser Referat Sekten- und Weltanschauungsfragen in
Duesseldorf (0211/3610252). Beratung ist unser Schwerpunkt, auch
ausserhalb des Rheinlandes.

Woran koennen Eltern erkennen, dass ihr Kind in einer Sekte ist?

Das Kind verbringt immer mehr Zeit in einer Gruppe, von der man sich
nur schwer ein Bild machen kann. Es bricht alte Beziehungen und
Freundschaften ab und haelt bestimmte Regeln rigide ein.

Wie sollten Eltern reagieren?

Zuerst: keine Panik. Dann sollten sie sich Informationen beschaffen
und von Sektenfachleuten beraten lassen. Wichtig ist, den Kontakt zum
Kind nicht abreissen zu lassen. Eltern sollten interessiert das
Gespraech suchen und zuhoeren, nicht abschaetzig ueber die Gruppe
reden, auch sich selbst in Frage stellen lassen. Sie sollten das Kind
nach seiner Motivation fragen, ihm keine Vorwuerfe machen und
abwarten, bis es selbst erste Zweifel entwickelt.